Zum Abschluss ihrer Zeit als erste Early Carrer Researcher an der AIA NRW stellte Boyhun Kim die Kernthesen ihrer Dissertation vor, die gerade erst an der Universität Ghent in Belgien eingereicht hat. Sie nutzte das Colloquium, um im Kreise der Fellows die Verteidigung ihrer Dissertation zu proben. Im Mittelpunkt ihres Projekts zur europäischen und internationalen Klimagovernance stand die Frage im Mittelpunkt, wie die häufig postulierte globale Führungsrolle der Europäischen Union (EU) aus der Perspektive jener Akteure zu bewerten ist, die europäischen Normen und Standards folgen. Anhand der Beziehungen zwischen der EU und Südkorea in der Klima- und Energiepolitik wurde ein Perspektivwechsel vorgeschlagen, der den Fokus von der führenden auf die folgende Seite verlagert. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass die EU in Wissenschaft und Politik häufig als globale Klimaführungsmacht dargestellt wird. Boyhun Kim argumentierte demgegenüber, dass Führung keine Eigenschaft sei, die einem Akteur automatisch zukomme. Vielmehr müsse Führung von anderen Akteuren anerkannt und aktiv mitgetragen werden. Daraus ergab sich die zentrale Forschungsfrage: Warum orientiert sich Südkorea an europäischen Klimanormen und -standards, obwohl das Land technologisch und wirtschaftlich in der Lage wäre, eigene Wege zu verfolgen? Die Antwort lautete, dass Südkorea der EU nicht aus Abhängigkeit oder Schwäche folge. Stattdessen nutze das Land europäische Normen strategisch, um eigene wirtschaftliche, industriepolitische und geopolitische Ziele zu erreichen. Dieses Verhalten bezeichnete sie als „Strategic Climate Followership Agency“ (SCFA). Damit wird „Folgerschaft“ nicht als passive Übernahme von Vorgaben verstanden, sondern als aktive Form politischen Handelns.
Zur Veranschaulichung wurden zwei Fallstudien vorgestellt. Die erste beschäftigte sich mit der Übernahme der europäischen Taxonomie für nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten. Die Analyse zeigte, dass Südkorea europäische Standards nicht unverändert übernimmt, sondern gezielt an nationale Interessen anpasst. Besonders deutlich wurde dies bei der Frage der Kernenergie. Europäische Entscheidungen dienten hier als Legitimation für eine südkoreanische Politik, die den Ausbau der Kernenergie unterstützt. Die Referentin sprach in diesem Zusammenhang von einem „anti-normativen Effekt“, da europäische Standards in einem anderen Sinn genutzt würden als ursprünglich vorgesehen. Die zweite Fallstudie untersuchte die Wasserstoffpolitik der EU und Südkoreas. Während die EU stärker auf Regulierung und supranationale Koordination setzt, verfolgt Südkorea einen stärker industriepolitisch geprägten Ansatz. Trotz dieser Unterschiede gelangte die Referentin zu dem Ergebnis, dass beide Akteure mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Geopolitische Konkurrenz, Fragen technologischer Souveränität und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit führten dazu, dass industrie- und sicherheitspolitische Ziele zunehmend Vorrang vor umfassenden klima- und sozialpolitischen Transformationsansätzen erhielten.
In der anschließenden Diskussion wurden insbesondere die theoretischen Implikationen des Konzepts der SCFA sowie die Frage erörtert, inwiefern die strategische Anpassung europäischer Normen die Vorstellung einer europäischen Führungsrolle relativiert. Zudem wurde diskutiert, ob die aktive Aneignung und Umdeutung von Standards eher als Ausdruck europäischer Einflussnahme oder als Beleg für die Handlungsmacht der aufnehmenden Akteure verstanden werden sollte.