Im Rahmen einer Podiumsdiskussion, die AIA NRW gemeinsam mit der Bonner Akademie für Forschung und Lehre Praktischer Politik (BAPP) und mit der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus organisierte, diskutierten die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Gerlinde Groitl, der Historiker Prof. Dr. Friedrich Kießling und General a. D. Jörg Vollmer, über die sicherheitspolitische „Zeitenwende“ und deren historische sowie aktuelle Bedeutung für Deutschland. Moderiert wurde die Veranstaltung von AIA-Direktorin Dr. Mayssoun Zein Al Din.
Prof. Groitl ordnete die Entwicklungen nicht allein als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ein, sondern als Teil eines umfassenderen Umbruchs der internationalen Ordnung. Die Ära der europäischen Friedensdividende sei beendet; Deutschland und seine Partner müssten sich auf eine Welt einstellen, die zunehmend von geopolitischer Konkurrenz und Machtpolitik geprägt sei. General a. D. Vollmer betonte die sicherheitspolitischen Konsequenzen dieser Entwicklung. Europa befinde sich nicht länger in einer stabilen Friedensordnung, sondern in einer Phase strategischer Unsicherheit. Hybride Bedrohungen, Cyberangriffe und die militärische Aggression Russlands hätten deutlich gemacht, dass Sicherheit keine Selbstverständlichkeit mehr sei. Die Bundeswehr müsse daher wieder konsequent auf Landes- und Bündnisverteidigung ausgerichtet werden. Gleichzeitig reichten höhere Verteidigungsausgaben allein nicht aus; notwendig seien funktionierende Strukturen, klare Prioritäten und ein gesellschaftliches Verständnis dafür, dass Verteidigung zu den Kernaufgaben des Staates gehöre.
Prof. Kießling stellte die aktuelle Debatte in einen historischen Kontext. Er zog Parallelen zwischen der heutigen Zeitenwende und der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in den 1950er Jahren unter Konrad Adenauer. Adenauer habe die militärische Integration in den Westen nicht nur als sicherheitspolitische Notwendigkeit betrachtet, sondern als Voraussetzung für Souveränität, politische Handlungsfähigkeit und die Stabilisierung der jungen Demokratie. Gleichzeitig erinnerte Kießling daran, dass die Wiederbewaffnung damals gesellschaftlich hoch umstritten gewesen sei. Ähnliche Auseinandersetzungen über Umfang, Ziele und Legitimität sicherheitspolitischer Maßnahmen seien auch heute zu beobachten.
In der anschließenden Diskussion vor ca. 170 interessierten Teilnehmern standen insbesondere die Lehren aus der Geschichte und die zukünftige Ausrichtung deutscher Sicherheitspolitik im Mittelpunkt. Die Podiumsteilnehmer waren sich weitgehend einig, dass Deutschland die Bedrohungslage nach dem Ende des Kalten Krieges unterschätzt und die Verteidigungsfähigkeit über viele Jahre vernachlässigt habe. Zugleich wurde betont, dass militärische Stärke stets mit demokratischer Kontrolle, gesellschaftlicher Debatte und internationaler Zusammenarbeit verbunden bleiben müsse. Auch Fragen nach der Rolle der Bundeswehr in der Gesellschaft sowie dem Verhältnis zwischen nationalen Interessen, europäischer Integration und transatlantischer Partnerschaft wurden intensiv diskutiert. In der Fragerunde griff das Publikum diese Themen auf und hinterfragte insbesondere die gesellschaftliche Akzeptanz einer langfristig angelegten sicherheitspolitischen Neuorientierung.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass die Zeitenwende weit über kurzfristige Reaktionen auf aktuelle Krisen hinausgeht. Sie beschreibt einen grundlegenden Wandel der internationalen Rahmenbedingungen und stellt Deutschland vor die Aufgabe, Sicherheitspolitik, gesellschaftliches Selbstverständnis und internationale Verantwortung neu auszubalancieren.





