Wie kann Europa in einer Welt zunehmender geopolitischer Spannungen handlungsfähig bleiben, ohne seine politischen und ethischen Grundsätze zu gefährden? Diese zentrale Frage stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion, mit der das Symposium zum fünfjährigen Jubiläum der Academy of International Affairs NRW eröffnet wurde. Vor knapp100 Zuhörern debattierten unter der Moderation von AIA-Direktorin Mayssoun Zein Al Din nahmen der Schriftsteller und Journalist Navid Kermani, der langjährige Direktor des Deutschen Instituts für Internationale und Sicherheitspolitische Analysen (SWP) sowie der ehemalige UN-Sonderbeauftragte für Syrien und Leiter der UN-Mission UNITAMS im Sudan.
Während sich die Diskussion wiederholt auf die Bedeutung von Werten, Verantwortung und moralischen Maßstäben konzentrierte, ging es auch um die Notwendigkeit, europäische Interessen in einer zunehmend von Machtpolitik geprägten Welt wirksam zu vertreten. Beide Redner sprachen von der Notwendigkeit, nicht zu schnell das Ende des Völkerrechts auszurufen. Anknüpfend an seine Rede vor den Rekruten der Bundeswehr am 20. Juli reflektierte Navid Kermani noch einmal die Tugend des Nein-Sagens. Volker Perthes stimmte dem zu, ergänzte allerdings, dass es wichtig sei, beim Nein sagen auch Alternativen aufzuzeigen. Beide waren sich einig, dass Deutschland in der multipolarisierten Welt nur im europäischen Kontext Einfluss in der Weltpolitik geltend machen kann. Vor dem Hintergrund des Spannungsfelds zwischen normativen Bestrebungen und strategischen Interessen stellte sich dabei die grundlegende Frage, wie Europa seine Rolle in einer sich wandelnden Weltordnung definieren kann. Krieg, geopolitische Rivalitäten, die Krise der internationalen Ordnung und das Entstehen neuer Machtzentren stellen bisherige Gewissheiten in Frage.
Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass die Fähigkeit zum strategischen Handeln weit über die traditionelle Sicherheits- und Verteidigungspolitik hinausgeht. Auch Handels- und Technologiepolitik, digitale Souveränität sowie Außen- und Entwicklungspolitik sind entscheidende Bestandteile einer umfassenden europäischen Sicherheitsstrategie. Strategische Handlungsfähigkeit, so wurde bei allen Unterschieden betont, darf nicht allein eine Frage militärischer Stärke ist. Vielmehr bedarf es eines umfassenden Verständnisses von Sicherheit, das politische, wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Dimensionen miteinander verbindet. Im Rahmen eines kurzen Exkurses teilten die beiden Panellisten auch ihre Erfahrungen zur Situation im Sudan.





