Direkt zum Inhalt wechseln
Global Policy Dialogue

Blick nach Norden und Osten: Die Auswirkungen der strategischen Neuausrichtung Deutschlands

Die Fellows der Akademie diskutierten mit der Sicherheitsexpertin Phyllis Berry im Rahmen eines Global Policy Dialogue die Neuausrichtung von Deutschlands Außenpolitik. Phyllis Berry arbeitete von Juni 2021 bis März 2025 als National Intelligence Officer for Europe im US-amerikanischen Nachrichtendienst- und Analyseapparat. Zuvor arbeitete sie unter anderem im National Security Council der USA als Direktorin für die Ukraine. Aktuell ist sie Senior Nonresident Fellow beim Atlantic Council und dem American German Institute, wo sie sich vor allem mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik auseinandersetzt.

Ihre zentrale These lautet, dass der außenpolitische Wandel Deutschlands im Zuge der Zeitenwende tiefgreifend und langfristig sein wird. Allerdings erschweren innenpolitische Spannungen, der Aufstieg der AfD und die Unsicherheit über die zweite Trump-Regierung die Umsetzung. Deutschland könnte deshalb weiterhin dem Muster folgen, zwei Schritte vorwärts und einen zurückzugehen. Seit der russischen Invasion der Ukraine 2014, insbesondere aber seit 2022, habe Deutschland seine sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den nord- und osteuropäischen Staaten deutlich intensiviert. Ein zentraler Ausdruck dieses Wandels ist die Entscheidung von 2023, eine dauerhaft stationierte Kampfbrigade in Litauen aufzubauen. Trotz der stärkeren regionalen Kooperation bleibt die NATO der zentrale Bezugspunkt deutscher Verteidigungspolitik.

Traditionell orientierte sich Deutschland besonders an Frankreich, Italien und anderen westeuropäischen Verbündeten. Mittlerweile erweitert es seine Partnerschaften gezielt nach Norden und Osten. Weiterhin wurden die Herausforderungen für Deutschlands neue Führungsrolle diskutiert. Deutschland müsse höhere Verteidigungsausgaben in einsatzfähige militärische Fähigkeiten umwandeln. Dazu gehören moderne Technologien, künstliche Intelligenz, unbemannte Systeme und eine leistungsfähige europäische Verteidigungsindustrie. Sie kritisierte veraltete Waffensysteme, ineffiziente Ausgaben und Defizite bei der Bundeswehrreform. Zudem äußerte sie Zweifel daran, ob Deutschland bereit sei, gegenüber Russland entschlossen aufzutreten und die strategische Führungsrolle zu übernehmen, die bisher häufig die USA, Großbritannien oder Frankreich ausgefüllt haben.

Aus alledem zog Phyllis Berry die Schlussfolgerung, dass Deutschlands Zeitenwende auf einen langfristigen strategischer Wandel hinauslaufe, dessen Erfolg jedoch nicht allein von höheren Verteidigungsausgaben abhänge. Entscheidend seien glaubwürdige Abschreckung, moderne militärische Fähigkeiten, engere regionale Integration, effizientere politische Entscheidungsprozesse und das Vertrauen der europäischen Partner. Nur so könne Deutschland seine sicherheitspolitische Führungsrolle innerhalb einer weiterhin NATO-zentrierten europäischen Sicherheitsordnung festigen. Im Austausch mit den Fellows wurden neben den politischen Fragen auch die Methodik von Szenarienbildung, table top excercises und Übungen zum Check von Erwartungen diskutiert.