Die französische Politikwissenschaftlerin und Expertin für europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik Delphine Deschaux-Dutard von der Université Grenoble Alpes tauschte sich mit den Fellows der Akademie zu der Frage aus, inwiefern die französische und die deutsche Aufrüstungspolitik zu mehr strategischer Autonomie Europas beitragen können. Sie führte aus, dass steigende nationale Verteidigungsinvestition nicht automatisch zu europäischer strategischer Autonomie führen müssen. Entscheidend sei vielmehr, ob nationale Anstrengungen in gemeinsame, einsatzfähige und nachhaltig finanzierte europäische Fähigkeiten übersetzt werden. Sie untersuchte die Frage nach mehr strategischer Autonomie anhand von drei Dimensionen: der Fähigkeit, militärische Kräfte eigenständig einzusetzen und zu versorgen, der Verringerung technologischer und industrieller Abhängigkeiten von außereuropäischen Akteuren sowie der Kohärenz europäischer Verteidigungsanstrengungen durch gemeinsame Beschaffung, Standards und Ausbildung.
Delphine Deschaux-Dutard arbeitete klar heraus, dass obwohl Frankreich und Deutschland auf dieselbe sicherheitspolitische Herausforderung reagieren, sie sich in ihren nationalen Ansätze deutlich unterscheiden. Frankreich verfolge eine eher kontinuierliche Anpassung seines bestehenden Modells strategischer Unabhängigkeit. Dabei stünden nationale Souveränität, umfassende militärische Fähigkeiten und die Anpassung der Rüstungsindustrie im Rahmen einer „Kriegswirtschaft“ im Vordergrund. Deutschland durchlaufe hingegen einen sichtbareren Wandel seiner Verteidigungspolitik. Die Zeitenwende, das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro und veränderte Finanzierungsmechanismen markieren eine stärkere Übernahme militärischer Verantwortung. Zugleich ist die deutsche Debatte stärker durch parlamentarische Auseinandersetzungen über Ausgaben, Rüstungsexporte und Wehrdienst geprägt. Beide Länder verbinde jedoch, dass politische Verantwortung und gesellschaftliche Kontroversen überwiegend auf nationaler Ebene verblieben. Unterschiedliche strategische Kulturen, Vorstellungen zur NATO und zur Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, nukleare Abschreckung sowie Konflikte über Rüstungsprogramme und Exporte erschweren die Zusammenarbeit.
Abschließend zog sie das Fazit, dass erst wenn nationale Aufrüstungsprozesse systematisch miteinander und mit europäischen Fähigkeitszielen verknüpft würden, dann könnte aus höheren Verteidigungsausgaben auch eine tatsächlich größere europäische Handlungsfähigkeit resultieren.